As you get older, the questions come down to about two or three. How long? And what do I do with the time I’ve got left?
(David Bowie)

In unserer Gesellschaft und Kultur gibt es hauptsächlich eine einzige Sicht auf das Älterwerden. Und da geht es um Rückgang, um eine Verschlechterung, um ein Nicht-Mehr. Sehr selten geht es in diesem Zusammenhang um Wachsen, um Erweiterung und Gewinn, um Lebendigkeit und gesteigerte Lebenslust. Und schon gar nicht um dieses Zipfelchen Weisheit, das man mit den fortschreitenden Jahren und mit etwas Glück ab und zu zu fassen bekommt.

Google spuckt zu dem Begriff „Älterwerden“ 654.000 Ergebnisse in 0,52 Sekunden aus. Ganz oben gelistet ist der Duden. Folgt man diesem Link, findet man zwei Einträge: Altern und hineinwachsen.

Diese zweite Begriffserklärung finde ich interessant. In der Bedeutungsübersicht führt Duden folgendes auf:

  1. in etwas wachsen, sich durch Wachstum in etwas hinein ausdehnen
  2. durch Älterwerden, im Laufe der Zeit, der Entwicklung in etwas (in einen neuen Zustand o.Ä.) hineinkommen
  3. (umgangssprachlich) wachsen und schließlich hineinpassen
  4. sich in etwas einleben, einarbeiten und damit völlig vertraut werden

 

Das deckt sich mit den Gedanken, die ich mir selbst zum Thema gemacht habe:

Definition Älterwerden Delicious Design

Heute vor einem Monat bin ich 50 Jahre alt geworden. Dieses Zahlen-Ding ist zwar gar nicht meins, aber so ein halbes Jahrhundert gehört gewürdigt, finde ich. Und so habe ich mir ein paar Gedanken gemacht und dem nachgespürt, was Älterwerden für mich bedeutet.

Ich mag den ursprünglich von Gail Sheehy geprägten und inzwischen etablierten Begriff der second adulthood. Wir erreichen diesen Lebensabschnitt, wenn wir unsere Rollen als Töchter, Partnerinnen und Mütter erfüllt, beruflich einiges erreicht haben und physisch, geistig und emotional bereit sind für ganz neue Abenteuer, Träume und Herausforderungen. Es stimmt, eigentlich habe ich oft das Gefühl, dass es jetzt erst richtig losgeht. So als wären die ersten 40+ Jahre so eine Art Testlauf gewesen. Ein ziemlich guter und durchaus erfolgreicher Testlauf, aber eben vor allem eine Zeit des Trial and Error, des Lernens, des Einordnens von Siegen und Niederlagen, des Sammelns von Erfahrungen.

Was also bedeutet dieser neue Abschnitt für mich, worum geht’s beim Älterwerden?

 

Meine 15 wundervollen Wahrheiten über’s Älterwerden

 

1
Was ich am Älterwerden mag, ist dieses Gefühl des Ganzwerdens. Das wächst und verstärkt sich mit jedem neuen Lebensjahr. Ich fühle mich in mir selbst gut verwurzelt. Und auch, wenn es um mich herum manchmal wild zugeht, weiß ich meist ziemlich genau, wer ich bin, was ich kann, was ich brauche. Und ich kenne meinen Wert.

2
Mein Wunsch, andere zu beeindrucken ist auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Dafür wird mein Verlangen, ich selbst zu sein, mit jedem gelebten Tag größer und stärker. Die Klarheit die daraus resultiert hat eine unglaubliche Kraft und das fühlt sich ein bisschen so an wie Nachhausekommen.

3
Es fällt mir zusehends leichter, die „Nebengeräusche“ runterzuregeln. Darunter fallen z.B. die Meinungen anderer Menschen und deren Vorstellungen, wie etwas zu sein hat. So höre ich meine eigene innere Stimme deutlicher. Mit jedem Jahr kümmert es mich weniger, was andere über mich denken. Und die Anzahl der Menschen, deren Meinung über mich mir wichtig ist, ist eine überraschend kleine Zahl.

4
Ich habe nicht mehr das Bedürfnis lang und breit zu erklären, warum ich etwas tue oder zu rechtfertigen, was mir wichtig ist. Auch nicht, zu beweisen, wer ich wirklich bin. Das Selbstvertrauen, ganz ich zu sein und mein Leben danach zu gestalten, das ist es was ich jetzt mit diesem runden Geburtstag feiere.

Gleichzeitig verschwindet der unschöne Drang, Menschen und Dinge zu bewerten und zu beurteilen, immer mehr.

I finally know the difference between pleasing and loving, obeying and respecting. It has taken me so many years to be okay with being different, and with being this alive, this intense. (Eve Ensler)

5
Ich bin weicher als früher, aber auch verletzlicher. Immer schon war ich ein sehr offener Mensch und auch jetzt noch trage ich mein Herz häufig auf der Zunge. Eigentlich mag ich diesen Wesenszug, aber mein Bedürfnis nach etwas mehr Schutz meiner selbst ist größer geworden. Nicht jeder hat diese Art der ungeschützten Offenheit verdient und ich lerne auszuwählen, wer dieses Privilegs würdig ist.

6
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es für mein Glück, mein persönliches Wachstum und meinen kreativen Ausdruck nicht hilfreich ist, wenn ich erlebten Schmerz, Enttäuschungen und traumatische Ereignisse der Vergangenheit vor meinem inneren Auge immer wieder und wieder durchlebe und -leide. Oder wenn ich mir große Sorgen darüber mache, was in der Zukunft alles passieren könnte. Damit habe ich mich lange genug gequält. Es lässt mein Wachstum, meine Kreativität und meine Freude verkümmern. Kurz gesagt, es ist absolut sinnlose Scheiße. Sorry.

7
Manchmal bin ich so voll mit Freude, dass ich ein bisschen hibbelig werde, aufgeregt. Dann rede ich schneller, lache lauter. Ich fließe über. Das hat nichts mit dem Älterwerden zu tun. Aber dass ich mich nicht mehr dafür schäme schon.

Unsere Seminarteilnehmerinnen berichten manchmal, dass ihnen in solchen Fällen von Kollegen oder Vorgesetzten empfohlen wird, sich doch erstmal zu „beruhigen“, was ein tiefes Schamgefühl in ihnen auslöst. Warum nur sollten sie sich „beruhigen“? Weil ein Gegenüber diese Lebendigkeit nicht (mehr) spürt? Nein! Lasst uns vor Freude übersprudeln, vor Begeisterung leuchten und dies auf unsere Art zeigen!

8
Ich liebe meinen Körper, finde ihn kostbar und achte auf ihn. Viel aufmerksamer und liebevoller als in jüngeren Jahren. Ich folge seiner Energie und vertraue seiner Art der Kommunikation. Ich sorge gut für mich. Davon profitieren alle in meinem Umfeld.

Körperlich bin ich fitter und in besserer Form als vor 10 oder 15 Jahren. Laufen, Yoga, meine Morningwalks, Meditation, Stille, anständiges Essen sind ganz wesentliche und bereichernde Faktoren für mich. Als junge Frau war ich sehr sportlich und ziemlich sicher fitter als jetzt. Aber da war es mir nicht bewusst! Deswegen ist mir dieses gute Körpergefühl jetzt so wertvoll, so großartig, so schön.

9
Ach, und die ganzen Litaneien über körperliche „Unzulänglichkeiten“, mit denen man in jungen Jahren so gerne seine Zeit vergeudet: zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu viel Busen, zu wenig, zu blond, zu brünett … Leider fand auch ich als junge Frau einiges an meinem Körper, das ich nicht mochte. Unter anderem meine Beine. Meine Füße sind groß, meine Fesseln nicht schlank, meine Waden kräftig. Und das sind sie natürlich immer noch. Aber sie tragen mich so wunderbar durchs Leben! Auf ihnen konnte ich meinen Jungs hinterherrennen und mit ihnen herumtoben, als sie klein waren, Berge besteigen, großartige Landschaften durchwandern und in schwierigen Situationen aufrecht stehen. Mit meinen Beinen und allen anderen vermeintlichen und realen körperlichen „Unzulänglichkeiten“ bin ich längst vollkommen versöhnt. Und nicht nur das. Ich finde mich (meistens) schön. Schöner als mit 20. Und das nicht nur, weil mein Mann meine Beine toll findet. (Ehrlich gesagt schadet es aber auch nicht :-))

10
Ich werde älter. Das ist nicht schlimm, sondern großartig. Ein Geschenk. Eins, das nicht jedem vergönnt ist. Was wäre denn das Gegenteil davon? Nicht älter werden? Dann wäre mein Leben ja zu Ende.

Mein Körper altert. Dagegen kann ich kämpfen (und verlieren) oder es als Tatsache akzeptieren. Mein Körper ist vollkommen unschuldig. Es ist das Mindset, das Ego, das den Körper angreift. Denn Körper verändern sich. Dauernd. Vom ersten Moment an. Sobald wir das Licht der Welt erblicken.

Während mein Körper altert fühle ich gleichzeitig etwas Neues in mir wachsen. Etwas Starkes. Etwas Magisches. Ein tiefes Wissen. Und ich fühle mich dadurch, na ja, ziemlich sexy.

Heute weiß ich mehr als vor einem Jahr. Viel mehr als vor 20 Jahren. Die Uhr zurückzudrehen? Das würde heißen auch einige dieser Erfahrungen, die mich ja ausmachen, zu opfern.

 

Älterwerden Zabriskie Point Delicious DesignEiner der vielen sehr besonderen Momente meines halben Jahrhunderts: Sonnenuntergang am Zabriskie Point im Death-Valley-Nationalpark (2015)

 

11
Was Menschen schön macht hat sehr wenig mit dem Alter zu tun, wenig mit dem Aussehen und fast alles mit dem, was wir gemeinhin Ausstrahlung nennen. Es hat damit zu tun, wie sich jemand bewegt, mit kleinen, ganz typischen Gesten und damit, ob und wie er einem in die Augen schaut. Es geht um die Energie die jemand hat, wenn er sich wohl in seiner Haut fühlt. Um die Fähigkeit, andere mit Worten und Taten zu erreichen. Um eine Haltung, die ausdrückt dass jemand nicht durch Enttäuschungen des Lebens besiegt wurde. Ich rede von der Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, von Großzügigkeit im Wesen, vom wachen Funkeln in den Augen und von Freundlichkeit, Warmherzigkeit und einem offenen Lächeln.

12
Ich bin in jedem Bereich meines Lebens sehr wählerisch geworden. Mit meiner Zeit, meiner Arbeit, meinem Freundeskreis, meinem Essen, eigentlich mit allem was ich tue. Es ist halt so, unfreundliche Menschen wird es immer geben. Meine ToDo-Liste wird immer lang sein. Aber meine Zeit für die Dinge, die ich liebe, die mich nähren und für die Menschen, die mir wichtig sind, ist endlich. Also gehe ich entsprechend mit ihr um. Ich habe gelernt, Nein zu sagen. Oft. Im privaten Bereich, aber auch zu beruflichen Angeboten, die nicht zu mir passen. Und ich muss dafür keine Erklärungen mehr abgeben.

13
Ziemlich kitschig, aber ich bin glücklicher, als ich es jemals war. Und das hat nichts zu tun mit irgendwelchen Zielen die ich erreicht habe, oder mit Dingen die ich besitze. Es hat aber alles damit zu tun, zu wissen wer ich bin und was ich liebe.

Aging is not ‘lost youth,’ but a new stage of opportunity and strength. It’s a different stage of life, and if you are going to pretend it’s youth, you are going to miss it. You are going to miss the surprises, the possibilities, and the evolution that we are just beginning to know about because there are no role models, no guideposts, and no signs. (Betty Friedan)

14
Erlebe ich trotzdem noch Stress, Sorgen und Ängste, jetzt wo ich älter werde? Aber ja! Nur, jetzt habe ich die Fähigkeit, das früher zu erkennen, die Erfahrung, das einzuordnen und die Bereitschaft und Neugier, genau hinzuschauen. Das, was ist, anzunehmen und mir selbst zu helfen. Das gibt mir eine Gelassenheit und Freiheit, die ich in meinen jungen Jahren nicht hatte.

15
Und da ist nochwas, das Teil meines Älterwerdens ist, und das ist meine Expertise, mein berufliches Können. Das mag jetzt überheblich klingen, hat aber gar nichts mit Arroganz zu tun oder mit dem Gefühl, dass ich auf irgendeine Weise „besser“ wäre als jemand anderes. Es hat überhaupt nichts mit jemand anderem zu tun. Dizzy Gillespie hat einmal gesagt: „It ain’t bragging if you can do it.“ Und jetzt, Nach 25 Jahren in meinem Beruf, mit einer Menge Erfolgen, mit schmerzlichen Fehlschlägen, mit großen Siegen und lehrreichen Niederlagen, mit einer Reihe von kreativen Höhepunkten, großartigen Begegnungen und unzähligen durchgearbeiteten Nächten, mit all diesen Erfahrungen im Gepäck, kann ich mir selbst in die Augen schauen und sagen, dass ich das, was ich tue, wirklich beherrsche.

 

Ui, das ist jetzt ein langer und auch sehr persönlicher Post geworden … Danke, dass du ihn bis hierher gelesen hast! Ich habe aufgeschrieben, was mir wichtig ist, aber eigentlich lässt es sich auch viel kürzer zusammenfassen:

Ich habe gelernt dass ich nicht alles kontrollieren kann. Es gibt Dinge, auf die ich keinen Einfluss habe. Hingabe ist eine machtvolle Kraft.

Ich habe gelernt, dass nicht alles repariert werden kann. Und dass es ausweglose Situationen gibt, in denen einem nichts anderes übrig bleibt, als in die Knie zu gehen, zu trauern und sie im Herzen zu bewahren.

Ich habe gelernt, dass man niemals zu freundlich sein kann. Zu den liebsten Menschen genauso wie zu Fremden und ganz besonders zu sich selbst.

Ich habe gelernt, dass wahrhaftig zu sein und Nein zu sagen und Grenzen zu setzen die höchste Form von Selbstliebe ist.

Ich habe gelernt, dass mein Herz soviel weiser ist als mein Kopf. Und dass meine Intuition mir immer den Rücken stärkt.